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Gedenken an die Deportation des tschetschenischen Volkes 1944

„Ich bin Mohmad“, so beginnt die 16-jährige Amina ihren Auftritt. „So Mohmad wu.“  Amina ist in die Rolle eines Angehörigen geschlüpft, der die Deportation des tschetschenischen Volkes unter Stalin 1944 überlebt und Jahre später davon erzählt hat. „Fremd, so haucht er die Worte, fremd und heiser, doch das Leben regt sich allmählich in seinen verhärmten Zügen. Die Augen, suchend, verlassen mich nicht, sobald er spricht.“

Am 23. Februar 1944 wurden rund 500.000 Angehörige der tschetschenischen und der inguschischen Bevölkerung kollektiv aus ihrer Heimat nach Zentralasien deportiert. Ein großer Teil von ihnen hat die Reise in Güterzügen im tiefen Winter und die Zeit in der Verbannung nicht überlebt. In einer mehrstündigen Feier wurde am 23. Februar 2018 dieses traurigen Ereignisses gedacht. Initiiert wurde die Veranstaltung durch die tschetschenischen Vereine in Österreich – den Vereins Ichkeria und dem Netzwerk tschetschenischer Mütter in Österreich. Wesentliche Unterstützung kam von Beginn an von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien.

Jedes Jahr gedenkt die tschetschenisch-stämmige Bevölkerung auf der ganzen Welt dieses traumatischen Ereignisses – in Russland unterdrückt von der Regierung, in der Diaspora häufig unbemerkt von der restlichen Bevölkerung. Dieses Jahr sollte der Gedenktag in würdigem Rahmen stattfinden und Menschen außerhalb der tschetschenischen Community bekannt gemacht werden. Eingeladen waren auch Vertreterinnen und Vertreter sowie Mitglieder aus Communities, die ähnliche Schicksale von Vertreibung und Deportation erleben mussten. Das Konzept für die Veranstaltung wurde in einer Arbeitsgruppe in der KJA Wien entwickelt und enthielt viele künstlerische Programmpunkte. Der Festsaal im Amtshaus Wien-Margareten wurde von der Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery kostenlos zur Verfügung gestellt. Moderiert wurde der Abend von der früheren ORF-Korrespondentin in Moskau, Susanne Scholl, die sich selbst intensiv mit Tschetschenien beschäftigt hat.

Aktivistische, wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung

Zu Beginn berichteten der Bildungsaktivist Daniel Landau und die frühere Lehrerin Ilse Schindler über die Familie Tikaev, die, obwohl bestens in Österreich integriert, vor einigen Wochen nach Moskau abgeschoben wurde. Landau und Schindler haben gemeinsam mit anderen Unterstützerinnen und Unterstützern ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen, um die Familie in ihrer verzweifelten Lage zumindest materiell zu unterstützen.

Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger umriss in einem Festvortrag den Ablauf der Ereignisse im Jahr 1944. Er ging dabei auch der Frage nach, was die Deportation des tschetschenischen Volkes mit der deutschen und österreichischen Geschichte zu tun haben. Er erinnerte daran, dass erst der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 und der weitere Verlauf des Zweiten Weltkriegs die Rahmenbedingungen schufen, unter denen Stalin seinen Entschluss fasste, sich der ihm unliebsamen Volksgruppe zu entledigen.

Die aus Australien stammende Filmemacherin Kim Traill zeigte zwei Videos, die auf von ihr geführten Interviews basieren. In dem einen kam die später (2006) ermordete russische Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja zu Wort, im anderen der tschetschenische Zeitzeuge Ljoma Viskhanov, der über seine Deportation berichtete. Er lebt heute in Wien und war bei der Feier anwesend.

Zeitzeugen gegen das Vergessen

Die im österreichischen Exil lebende tschetschenische Journalistin und Schriftstellerin Maynat Kurbanova berichtete, wie im heutigen Tschetschenien versucht wird, die Erinnerung an die dramatischen Ereignisse von 1944 zu unterdrücken. Und sie erarbeitete mit der eingangs zitierten Amina und weiteren sieben Jugendlichen aus der tschetschenischen Community eine bewegende Theateraufführung zum Thema. Die Grundlage bildeten Gespräche der Jugendlichen mit älteren Menschen aus ihren Familien, die über ihre Erinnerungen an die Deportation befragt wurden.

Der 16-jährige Mansur gab wieder, was seine Mutter ihm erzählt hatte: „Die Menschen wurden in Züge getrieben. In Waggons, wo sonst das Vieh transportiert worden ist. Stinkende, löchrige Güterwaggons. Im Februar. Ohne irgendeine Art von Heizung.“ Mansurs Großmutter war 1944, als sie deportiert wurde, erst fünf Jahre alt gewesen. Als die Züge am Ziel ankamen, wurde sie von ihrer Mutter getrennt und in ein Waisenhaus gebracht. Ihre Mutter, von der sie als fünfjähriges Kind getrennt wurde, hat sie nie wieder gesehen. Nach Jahren hat sie erfahren, dass die Mutter kurze Zeit darauf starb – „am Hunger und an der Kälte.“

Ein Büchertisch mit Literatur aus und über Tschetschenien und eine Fotoausstellung rundeten die Veranstaltung ab. Zum Abschluss des Gedenktages gab es ein tschetschenisches Buffet, das Menschen aus der Community vorbereitet hatten.

Arbeitsgruppe:

Huseyn Iskhanov, Khava und Kheda Iskhanova, Ibrahim Nikarcho, Maynat Kurbanova, Dr. Thomas Schmidinger, Mag.a Katharina Benedetter (International Organisation for Migration, IOM), Kim Traill, Dr. Caroline Nik Nafs, Dr. Gabriele Anderl, Mag. Ercan Nik Nafs, Irina Scheitz, MA

Organisationsteam:

Maynat Kurbanova, Huseyn Iskhanov, Hava Iskhanova, Kim Traill, Dr. Caroline Nik Nafs, Dr. Gabriele Anderl

Mit besonderem Dank an:

Die Bezirksvorstehung Margareten (Bezirksvorsteherin Mag.a Susanne Schaefer-Wiery, Matthias Pospisil und Astrid Böhme)
Nina Andresen vom Projekt CORE der Stadt Wien
Für die finanzielle Unterstützung: dem Zukunftsfonds der Republik Österreich und der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), Referat Wissenschafts- und Forschungsförderung
Brigitte Salanda und Peter Bettelheim (Buchhandlung a.punkt) und Michael Rosecker vom Karl-Renner-Institut für den Büchertisch

Weitere Informationen

Bericht eines Überlebenden – von Kim Traill